Werkzeug der Revolution

Autonomes fahren? Kein Experte kann seriös prognostizieren, wann das in allen denkbaren Szenarien möglich sein wird. Sagt Steven Peters, Daimlers KI-Chef­forscher. Und doch sieht er Potenzial in der Technologie.

Künstliche Intelligenz (KI) ist eine Schlüsseltechnologie der automobilen Zukunft, aber „nicht Lösung aller großen Probleme“, sagt Steven Peters, Leiter Artificial Intelligence Research bei Daimler. Er verrät, wo KI dennoch Revolutionäres leisten kann.

Neugierig geworden? Mehr dazu gibt es im Live-Talk:

Dr. Steven Peters leitet seit 2017 das Team Artificial Intelligence Research in der Konzern­forschung der Daimler AG. Zu seinem Aufgabenfeld zählt das ganze Spektrum der Automobilentwicklung.

Gehen wir dem Mythos auf den Grund: Worüber reden wir beim Einsatz von KI im Automobilbereich?

Sicherlich herrscht ein Hype um das Thema KI, aber das hat auch etwas Gutes. Viele Start-ups sind entstanden, an Universitäten gab es einen großen Push. Man muss klar sagen: KI – das heißt hier maschinelles Lernen – ist ein neues Werkzeug. Es löst nicht alle Probleme. Doch man kann schon heute einzelne Lösungen und Prozesse mittels KI schneller, effizienter oder überhaupt erst herbeiführen. Für Carsharing etwa ist KI einer der wichtigsten Enabler.

Bei aller zurückhaltenden Beurteilung birgt die Technologie dennoch Revolutionspotenzial. Wo und wie?

Die Denkweise, KI als Werkzeug anzuwenden, ist entscheidend. Anwendungsmöglichkeiten gibt es zum Beispiel beim autonomen Fahren und bei der User-Experience, die zunehmend auf KI – zum Beispiel mit Sprach- und Gestensteuerung – basiert, jedoch auch im sukzessiven Weiter­lernen, wie sich der Kunde verhält. Dann natürlich in Geschäftsmodellen wie Carsharing. Aber auch in internen Prozessen. Durch Team-Building zwischen KI und einem Fachexperten kann ich in Produktion und Entwicklung viel erreichen. Das hilft, Kosten zu sparen, die Qualität zu steigern, und führt dazu, dass Mitarbeiter sich „empowert“ fühlen, Herausforder­ungen anzugehen – mit einem KI-Partner an der Seite.

Welche Philosophie im Umgang mit KI hat Daimler?

Entscheidend ist, verantwortungsvoll mit Daten umzugehen. Unsere Philosophie: Es geht immer darum, die Selbstbestimmung des Users, Mitarbeiters oder Kunden in den Mittelpunkt zu stellen. Dazu nötig ist Transparenz. Wir haben zudem eine technische Sicherheitsverantwortung. Generell glaube ich, dass es ein tolles Erlebnis sein kann, mit KI etwas besser zu machen. Ich bin überzeugt, dass der Mensch dabei selbstwirksam bleiben will.

Welche konkreten Anwendungsfälle sehen Sie?

Erstens Assistenzsysteme: Seit fünf Jahren gibt es einen Fußgänger-Notbremsassistenten, der mit neuronalen Netzen im Fahrzeug arbeitet. Wir sind heute beim Level-2-System. Zweitens User-Experience: Das Verhalten des Autos muss nachvollziehbar sein, mich positiv überraschen, begeistern und darf nicht als irgendwie „spooky“ wahrgenommen werden. Drittens Geschäftsmodelle: Kann ich besser als die Wettbewerber vorhersagen, wo welches Auto in der Stadt wann gebraucht wird, führt das zu höherer Kundenzufriedenheit und letztlich einer besseren Auslastung, sprich zu einem besseren Business-Case. Zudem gibt es interne Einsatzfelder: Wir haben ein System zur KI-gestützten Mustererkennung in komplexen Motorenphänomenen entwickelt, dass unseren Experten  hilft, noch höhere Effizienz zu erzielen.