Hand aufs Herz: Hat Deutschland noch eine reelle Chance auf die Technologieführerschaft in Sachen KI?
Im Verbund mit Europa, ja. Ich bin überzeugt: Es ergibt keinen Sinn, hier fragmentiert vorzugehen – 28 Nationen, jede für sich. Stattdessen sollten wir uns eng koordinieren. Das gilt für die Forschung und Entwicklung. Das betrifft aber auch die Einstellung: Wir brauchen mehr Risikobereitschaft. Und zwar ganz vorn im Prozess, auch wenn Ideen zunächst abwegig erscheinen. An Stellen, wo sich private Unternehmen noch nicht hintrauen. Gleichzeitig müssen wir aber schauen, dass wir in der EU Hürden beseitigen. Dazu brauchen wir die Digitalunion. Das Risiko für eine Investition ist auf dem alten Kontinent dasselbe wie in China oder in den USA. Aber wir können bisher nicht ebenso skalieren. Europa ist daher für Investoren nicht attraktiv. Und damit ziehen wir auch nicht mehr die intelligentesten, die kreativsten, die leidenschaftlichsten Köpfe an. Das möchte ich wieder erreichen. Europa soll der „place to be“ sein.
Sie fordern also einen spezifisch europäischen Weg, KI voranzutreiben?
Ja, weil wir meines Erachtens einen anderen Blickwinkel darauf haben. Wir sprechen immer davon, die USA hätten das Geld und China die Daten. Aber wir haben das Ziel, menschenzentriert auf das Thema zu schauen. Mit der Maßgabe, dass die Technik dem Bürger dienen soll und nicht wie die Gesichtserkennung in China dem Staat zur Überwachung. Deshalb ist es auch so entscheidend, dass wir die Technologieführerschaft übernehmen. Denn wer Vorreiter ist, definiert Normen und Standards – nicht nur in Europa, sondern weltweit. Über diese Normen und Standards lassen sich dann auch zentrale Wertmaßstäbe transportieren. Das betrifft Fragen wie: Was sollte in Sachen KI ethischer Standard sein? Wie setzen wir dies um? Also: Wie ist eine KI uns dienlich – die eben nicht die Kontrolle über Demokratie, Rechtsstaat und Selbstbestimmung übernimmt?
Wo würden Sie konkret ansetzen?
Es gibt drei Bereiche, in denen wir sehr stark sein können. Zum einen sollten wir unsere Prozessdaten aus dem industriellen Bereich nutzen, um Anwendungen daraus zu entwickeln. Dazu müssen wir aber die Nutzungsrechte an diesen Daten dringend klären. Zum Zweiten können wir durch unsere Sensibilität und Fortschritte in Sachen Datenschutz bei Cybersafety weltweit führend werden. Zum Dritten ist das Stichwort „Zero Knowledge Artificial Intelligence“ zu nennen. Wir sollten nicht mit großen Datenmengen wie in China arbeiten, sondern forschen, wie wir mit wenigen Daten maschinelles Lernen vorantreiben können. Mit anderen Worten: Wir sollten uns Bereiche heraussuchen, in denen andere noch nicht führend sind, statt nur zu kopieren, was andere entwickelt haben. Das kommt leider noch viel zu oft vor.
Sind wir Europäer überhaupt in der Lage, unsere ethischen Vorstellungen weltweit durchzusetzen?
Ja, wenn wir die eben skizzierte Technologieführerschaft haben. Wenn wir die bessere Idee, das bessere Produkt, die bessere Dienstleistung entwickeln. Aber das alles muss natürlich in der Anwendung funktionieren und auch nachgefragt werden. Sonst werden wir diese Standards und Normen nicht setzen können. Wir haben solche Standards lange in den alten Branchen gesetzt, beispielsweise in der Pharmazie oder im Automobilbereich. Nun müssen wir neue Bereiche entdecken. Dazu gehört vielleicht auch die Weiterentwicklung alter Stärken.
Ist der Siegeszug von KI ohne technologische Voraussetzung wie 5G überhaupt vorstellbar?
Nein. Wir erleben das zum Beispiel beim Quanten-Computing – einer Technologie, die einen weiteren großen Sprung ermöglichen wird. Hier kaufen wir leider zurzeit auch eher auswärts ein. So ergibt sich die Frage: Kann ich kontrollieren, was ich kaufe, ist das wirklich alles transparent, ist es sicher? Deswegen noch einmal das Plädoyer: Wir müssen die besten Köpfe und Ressourcen bündeln, also einen großen europäischen Raum für Ideen und Möglichkeiten schaffen. Und darüber hinaus die Gesellschaft neugierig und innovationshungrig machen. Das kann in der Summe dazu führen, dass wir in Europa zu einem Vorreiter in Sachen KI werden.
Wie machen Sie dem Mittelstand Mut, das Thema KI für sich zu entdecken?
Ich glaube, dass die meisten Mittelständler KI schon in irgendeiner Art anwenden. Und bereits überlegen, wie ihnen das helfen könnte, damit ihr Produkt besser zum Kunden passt. Oder wie sie Logistikketten effizienter organisieren. Das hat etwas mit dem Geldbeutel, aber auch mit Umweltschutz zu tun. Oder wie KI bei der Informationsbeschaffung hilft, etwa bei der Frage, was überhaupt wo auf dem Erdball gebraucht wird. Damit können die Unternehmen ihre Lieferungen, ihre Ideen, ihre Produkte und Dienstleistungen anpassen. Ich setze sehr auf den deutschen und auf den europäischen Mittelstand. Denn Mittelständler sind schon jetzt die kreativeren, schnelleren, beweglicheren und flexibleren Unternehmen.
Was ist mit jenen, die abwinken?
Die werden wahrscheinlich nicht überleben in diesem Zeitalter, das durch Disruption und durch permanente Veränderung geprägt ist.
Welche sind für Sie die wichtigsten Punkte, die jetzt direkt angegangen werden sollten?
Wir sollten vor allem die Gesellschaft, also die Menschen, mitnehmen. Wir brauchen dafür einen gesellschaftsorientierten Ansatz, der klarmacht, dass mit KI Chancen verbunden sind. Dass zwar Risiken bestehen, wir diese aber in den Griff bekommen können. Deshalb streiten wir dafür, das Innovationsprinzip wenigstens gleichberechtigt neben das Vorsorgeprinzip zu setzen. Das heißt, wir schauen nicht nur auf Risiken, sondern auch darauf, welche Chancen wir liegen lassen würden, wenn wir eine Innovation unterlassen. Darüber hinaus sollten wir endlich die Digitalunion realisieren, damit wir skalieren können und der Einsatz eines Euro wesentlich mehr bringt, als das aktuell der Fall ist. Drittens ist es wichtig, den Ehrgeiz zu haben, Technologieführerschaft zu übernehmen. Ich bin es leid, nur über 5G und Glasfaserkabel zu sprechen. Nahezu überall auf dem Erdball ist man hier weiter, nur in Deutschland tut man sich schwer. Lasst uns endlich über Anwendungen reden!