„Mittelgut ist auch okay“

Eiszeit oder Paradies? Wird die technisch-ökonomische Entwicklung von KI-Lösungen bis 2030 nur langsam voranschreiten und die mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz den Ausbau bremsen? Oder werden die Rahmenbedingungen für KI so verändert, dass die Technologie nicht nur Routineaufgaben, sondern auch Entscheidungsprozesse übernehmen kann – was zu einem wahren „KI-Paradies“ führen würde? Welche die wahrscheinlichste Variante ist und wie sich Unternehmen im KI-Bereich am besten po­sitionieren können, erklärt Ashok Kaul, Head of Analytics für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei Roland Berger.

Das Interview als Podcast:

Ashok Kaul ist Head of Analytics der DACH-Region und Global Co-Head of Analytics bei Roland Berger. Zudem ist Kaul Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes

Neugierig geworden? Ashok Kaul war Teil der "KI-Hype"-Diskussion:


KI-Eiszeit, -Assistenz, -Insellösungen oder -Paradies: Welches Szenario ist bis zum Jahr 2030 am realistischsten?

Insellösungen haben wir zum Teil schon. Die Eiszeit wäre ein Drohszenario, das hoffentlich nie­mals wahr wird. Ins KI-Paradies werden wir aber auch nicht kommen. Das würde voraussetzen, dass die Ge­sellschaft KI komplett annehmen würde. In Europa ist das nicht zu erwarten. Wir werden uns also mit einer mittelguten bis dreiviertelguten Lösung zufriedengeben müssen. Das ist aber auch okay. Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Ziel muss sein, effizienter zu wer­den und die Bedürfnisse der Menschen mehr zu befriedigen.

Gibt es Ihrer Meinung nach ein Land, das zum Paradies werden könnte?

Es gibt zumindest Länder, die Deutschland weit voraus sind. Das gilt aber nicht nur für KI, sondern allgemein für Digitalisierungs- und Regulierungsthemen. Für uns ist immer die Frage wichtig: Wie groß ist die Akzeptanz bei der Digitalisierung? Wir sind da ein bisschen restriktiver, andere eben liberaler. Ich war kürzlich zum ersten Mal in Schanghai. Da gehen Sie etwa in ein Restaurant, und der ganze Prozess ist digi­talisiert, von der Reservierung über die Platzzuweisung und Bestellung bis hin zum kontaktlosen Bezahlen.

Die gesellschaftliche Akzeptanz auf der einen, die Regulierung auf der anderen Seite. Wie wichtig ist es, einen gemeinsamen Rahmen zu finden?

Aus meiner Sicht ist die Regulierung zum Teil auch Spiegelbild der Akzeptanz. Es heißt oft, dass wir in Deutschland strenger reguliert haben und deswegen langsamer vorankommen. Doch die Kausalität ist andersherum. Wir haben deswegen strenger reguliert, weil sich die Menschen eine strengere Regulierung wünschen. Es gibt aber auch Bereiche, wo wir auf Ver­­dacht reguliert haben. In diesen Fällen muss die Politik etwas tun.

Was wäre das zum Beispiel?

Ein bisschen mehr Experimente zulassen und ein bisschen später regulieren. Sprich, nicht proaktiv regulieren, sondern reaktiv. Solange nichts richtig schief gehen kann, sollte man die Unternehmen und insbesondere die Start-ups machen lassen.

Welche Rolle spielt dabei die DSGVO?

Klar ist: Ohne sie wäre es leichter, mit KI umzugehen. Ich glaube, wir hätten in Deutschland ohne die DSGVO Probleme. Dann wären die Wider­stände gegen KI viel größer. So ist der Datenschutz ein positives Vehikel – es erhöht die Akzeptanz von KI.

Wie können sich Unternehmen trotz War for Talent bei KI und Digitalisierung besser positionieren?

Insgesamt sind deutsche Unternehmen trotz des Fachkräftemangels gut aufgestellt. Entscheidend ist nicht, wie sich die Talente binden lassen, sondern wie Unternehmen ihre Mitarbeiter dazu bringen kön­nen, digitaler zu denken und mehr Hands-on-Mentalität an den Tag zu legen. Und das funktioniert am besten über Weiterbildung.