„Zu wenig Experten“

Professor Wolfgang Wahlster gilt in Deutschland als KI-Experte der ersten Stunde. Und er hat klare Vorstellungen davon, wo wir in der Digitalisierung Nachholbedarf haben und was jetzt zu tun ist.

Neugierig geworden? Mehr dazu in Wolfgang Wahlsters Keynote:

Wolfgang Wahlster war Professor für Informatik an der Universität des Saarlandes und leitete bis 2018 das Deutsche Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI)

Alle sprechen über KI – aber wo steht Deutschland tatsächlich?

Wir sind weltweit im Bereich der industriellen KI führend. Als Industrieland liegt der Schwerpunkt auf Maschinendaten, die jetzt in der zweiten Digitalisierungswelle auch inhaltlich durch KI-Systeme analysiert werden können, was zu einem enormen Wettbewerbsvorteil führt. In der aktuellen Forschung gehen wir noch einen Schritt weiter und streben die Langzeitautonomie robotischer Systeme an. Dann könnte ein KI-System versuchen, ein Jahr lang die Produktivität einer gesamten Fabrik autonom und selbstlernend durch immer neue Maßnahmen schrittweise zu erhöhen.

Es gibt doch schon Roboter in Firmen. Reicht das nicht?

Nicht wirklich. Wir brauchen Roboter, die über Jahre hinweg ständig neues Wissen erwerben, indem sie aus Erfahrung lernen oder Information aus relevanten Nachrichtenquellen extrahieren. Also KI-Systeme, die sich, auch wenn sie einmal neu „gebootet“ werden, noch daran erinnern, was sie in letzter Zeit erlebt haben. Das ist heute bei industriellen Robotern nicht der Fall. Sie haben praktisch kein episodisches Gedächtnis, wie der Mensch das hat.

Fehlt Robotern derzeit nicht auch das Feingefühl?

Richtig. Ihre Sensomotorik verbessert sich zwar. Trotzdem gehe ich davon aus, dass wir in den nächsten zehn Jahren keine perfekte Simulation der gesamten Sensomotorik eines Menschen erreichen werden.

Was muss passieren, damit die Entwicklung Fahrt aufnimmt?

Es gibt eindeutig zu wenige KI-Experten. Das ist das große Dilemma, vor dem wir stehen. Viele wollen KI-Experten einstellen, aber finden kaum welche. Wir haben in Deutschland knapp über 100 Lehrstühle für KI. Und jeder bildet vielleicht pro Jahr je zehn Personen bis zum Master aus. Das wären 1.000 KI-Experten pro Jahr. Viel zu wenige. Allein Firmen wie Bosch und ZF suchen aktuell 300 KI-Spezialisten.