DUB Digital Think Tank
Künstliche Intelligenz
5/12
© Getty Images/aislan13

Intelligenz²

Text: Miriam Rönnau

"Das ist alles Quatsch“, sagt Alexander Britz, Head of Digital Business und Artificial Intelligence bei Microsoft Deutschland. Maschinen, die irgendwann die Weltherrschaft anstreben und übermächtig werden – das sei Science-Fiction. Der Grund: Eine starke Künstliche Intelligenz (KI), eine Superintelligenz mit eigenem Willen, gibt es nicht. Wer heute von KI spricht, meint die schwache KI: ein System, dass zu einem konkreten Problem Lösungen hervorbringt. Und davon gibt es schon reichlich – so eines der Ergebnisse unseres DUB Digital Think Tanks.

KI ist omnipräsent

KI ist längst überall in unserem Alltag angekommen. Einige Beispiele etwa wären: 

  • Algorithmen geben vor, welche Musik bei Spotify vorgeschlagen wird oder welche Produkte und News im Facebook-Feed erscheinen.
  • Fragen an Airlines beantworten Chatbots.
  • Sprachassistenten erinnern an Termine. 
  • In der Industrie erkennt KI dank vorausschauender Wartung Mängel bevor Maschinen ausfallen. 
  • In der Buchhaltung lesen selbstlernende Algorithmen auf Basis von Machine-Learning Daten aus, ziehen daraus eigenständig Schlussfolgerungen und verarbeiten so beispielsweise Rechnungen.

Und weil viele nicht so richtig verstehen, wie das alles funktioniert, scheint dahinter erst einmal etwas ganz Großes zu stecken. Etwas kaum Greifbares, wahnsinnig Komplexes. Etwas wie von einem anderen Stern.

Aber das muss nicht sein. „Das, was als KI verkauft wird, ist ein rie­siger Hype“, sagt Ashok Kaul, Head of Analytics bei ­Roland Berger. Und für Zukunftsforscher Kai Gondlach gilt dies speziell für die breite Masse: „Wir Zukunftsforscher sagen, der Hype ist schon vorbei. Als Nächstes folgt: bessere Statistik und autonome Systeme, die selbst verantwortungsvolle Entscheidungen treffen – auf Grundlage von Big Data.“ Kaul betont: „KI ist im wesentlichen Statistik in verschiedenen Facetten – von ganz einfach bis hochkomplex.“ Für den deutschen Mittelstand seien schon einfachere Lösungen äußerst effizient. Zumindest wenn die Datenqualität stimmt. Beispiel: Datenvisualisierung. „Mit hochgradig standardisierten Daten lässt sich schon super arbeiten. Schwieriger ist es mit Daten, die aus dem Web heruntergeladen werden. Da lässt sich über die Qualität streiten, und es ist einiges zu tun, bis diese eine brauchbare, strukturierte Form haben“, sagt Kaul. Die Kunst der Datenanalyse bestünde darin, vollkommen unstrukturierte Daten zugänglich zu machen – etwa in der Versicherungswirtschaft. „Mithilfe von versicherungsexternen Daten lassen sich Schäden besser vorhersagen als allein mit internen und so etwa die Prämien senken.“



Viel Zeit bleibt nicht mehr

Doch das alles setzt eines voraus: Unternehmen müssen einen Zahn zulegen. Eine Studie von EASY SOFTWARE und KPMG zeigt: 58 Prozent der befragten Unternehmen in Deutschland sind mit ihrem Digitalisierungsgrad unzufrieden. Und die Motivation, etwas daran zu ­ändern, scheint nicht sonderlich groß zu sein. „Wenn der deutsche Mittelständler sagt, ich bewege mich von 22 Prozent der Digitalisierung meiner Geschäftsprozesse auf 35 Prozent in zwei Jahren – dann ist der Anspruch zu niedrig“, warnt Dieter Weißhaar, CEO von EASY SOFTWARE. Denn: ohne Digitalisierung keine Daten und ohne Daten keine KI. Das kann auch im internationalen Wettbewerb Folgen haben. Die ­Experten waren sich beim DUB Digital Think Tank darüber einig, dass nur noch ein kleines Zeitfenster von zwei bis drei Jahren bleibt. Dann sei der KI-Zug für die hiesige Wirtschaft abgefahren.

Nach der Bundestagsdebatte über den Zwischenbericht der Enquetekommission KI im Dezember 2019 erklärte auch Bitkom-Präsident Achim Berg: „Bei der Künstlichen Intelligenz müssen wir nach der heutigen Debatte bereits morgen mit der Umsetzung beginnen. Wir dürfen nicht warten, bis wir alle klugen und wichtigen Gedanken aufgeschrieben haben.“

Die vorläufigen Arbeitsergebnisse der Kommission befassen sich mit den Themen „KI und Staat“, „KI und Gesundheit“ sowie „KI und Wirtschaft“. Bei Letzteren heißt es etwa, es sei notwendig, „noch gezielter und mit starker staatlicher Finanzkraft in die KI-Förderung hineinzugehen – insbesondere mit Blick auf Start-ups, anwendungsnahe Forschung und wissenschaftliche Expertise, Transfer in den Mittelstand sowie auf eine leistungsfähige KI-Infrastruktur.“ Bis 2025 sollen laut der KI-Strategie der Bundesregierung drei Milliarden Euro zur KI-Förderung eingesetzt werden. Die Kommission plädiert auch dafür, „einen eigenständigen, europäischen Weg zu definieren, um eine nachhaltige KI in Deutschland und Europa zu etablieren, die sich gegenüber den großen KI-Nationen – USA und China – behaupten kann.“

Gemeinsam durchstarten

Diesen Ansatz verfolgt auch FDP-Politikerin Nicola Beer und spricht von einer „Digitalunion“. „Es ergibt keinen Sinn, hier fragmentiert vorzugehen – 28 Nationen, jede für sich. Stattdessen sollten wir uns eng koordinieren. Das gilt für die Forschung und Entwicklung“, erklärt sie. Entscheidend dafür ist aber auch der Weg, der eingeschlagen werden soll. Falsch wäre es, aus der Not heraus ein europäisches Amazon oder Google gründen zu wollen. So betont Professor Wolfgang Wahlster vom Deutschen Institut für Künstliche Intelligenz, dass es klug sei, wenn sich die einzelnen Länder auf ihre eigenen Stärken kon­zentrieren. Die große Chance für Deutschland sieht er vor allem in der Industrie 4.0.

Zentral ist auch das Thema Weiterbildung. Hier könnte sich die deutsche Politik etwas von den Finnen abschauen: Bereits 2018 stellte die finnische Regierung KI-Online-Kurse kostenfrei für ihre Bürger zur Verfügung. Ende 2019 ließ Finnland „Elements of AI“ in die Sprachen aller EU-Länder übersetzen und gab die Nutzung des Online-Kurses für alle frei. Und davon profitieren jetzt auch wir – der Deutsche Industrie- und Handelskammertag bietet den Kurs ab sofort für Bundesbürger an.

Vorbeiziehen statt mitziehen

Datenqualität, politische Rahmenbedingungen, der Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung: Das sind nur drei Themen, welche die hochkarätigen Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik auf dem ­zweiten DUB Digital Think Tank in Hamburg mit den rund 100 Gästen diskutierten.

Die Ergebnisse der Debatten hat die Redaktion des DUB UNTERNEHMER-Magazins in dieser ­Titelgeschichte zusammengefasst. Das Ergebnis ist ein inhaltlicher Rundumschlag zum Thema Künstliche Intelligenz – inklusive Vertiefungen zu einzelnen Branchen und Aspekten. Im Mittelpunkt standen dabei etwa Fragen wie:

Einigkeit herrschte besonders in einem Punkt: Sollte Europa die Technologieführerschaft erreichen, wäre das eine Chance, internationale Standards zu setzen – etwa in Hinblick auf Datenschutz und einen ver­antwortungsvollen Umgang mit KI. Denn wenn die Technologie etwas nicht kann, dann ist es: selbst denken. Besser wäre es also, einen sicheren Nährboden zu schaffen, aus dem die KI weiter wachsen kann – und so Fehler vermeiden, bevor sie passieren.