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Künstliche Intelligenz
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© Getty Images/metamorworks

Nur die Daten sind schon da

Text: Arne Gottschalck

Es läuft – oder eben auch nicht. Sind die Türen von Zügen defekt, kommt der Verkehr schon mal zum Erliegen. Es sei denn, es wird bereits frühzeitig vor dem Verschleiß von Bauteilen gewarnt und die Wartung vorausschauend eingeplant – via Künstlicher Intelligenz. Siemens verbaut eine entsprechende Anwendung bereits. Deutschland, ein KI-Wunderland? Nein. Aber möglich wäre es.

Denn das Land verfügt über etwas wie einen ungehobenen Schatz: seine Industriedaten. Moderne Maschinenparks sammeln und bündeln nämlich mehr Daten als Facebook & Co. – nur eben keine persön­lichen, sondern technische Daten. Und das weltweit. Denn: „80 Prozent der Hightech-Maschinen in den USA und China stammen aus Deutschland“, sagt Professor Wolfgang Wahlster, Chief Executive Advisor am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz.

Diese Daten sind extrem wertvoll – weil sie Informationen etwa über den Wartungsstand der Maschinen enthalten oder darüber, wie sich eine Produktion optimieren ließe. Künftig könnten sogar Fehler vorhergesehen werden, heißt es vom Digitalverband Bitkom. Das rechnet sich. Bis 2035 könnten die Unternehmensgewinne um 38 Prozent steigen – wenn die Firmen KI einsetzen, rechnet das Beratungshaus Accenture vor.

Doppelstrategie gefragt

„Mit der KI-Branche und der Fertigungsindustrie kommen in Deutschland zwei starke Player zusammen, um gemeinsam die Spitze zu erobern“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. Nur: Wie lässt sich dieser nationale Schatz gewinnbringend heben? In zwei Schritten sollte dies gelingen. Zum einen müssen Firmen die Herausforderung KI flächendeckend angehen. Davon allerdings ist Deutschland noch weit entfernt, zeigt eine Erhebung des Beratungshauses PwC. Nur vier Prozent der befragten Unternehmen setzen bereits KI ein; zwei Prozent sind dabei, entsprechende Systeme zu schaffen. Und 17 Prozent planen, KI zu nutzen. Aber: 49 Prozent halten die Technologie für irrelevant. „Keine gute Nachricht“, urteilen die PwC-Experten.

Allerdings ist KI nicht für alle Branchen ein gleichermaßen starker Zukunftstreiber. Besonders auszahlen könnte sich die Technologie etwa für die Finanz- und Versicherungswirtschaft, prognostiziert PwC. Denn dort werden bereits viele Daten von vielen Mitarbeitern an vielen Standorten in oft standardi­sierten und wiederholten Verfahren bearbeitet. Dieser erste Schritt ist vermutlich der schwierigste: Für viele Unternehmen, das zeigt die PwC-Erhebung, ist der konkrete KI-Nutzen noch schwer greifbar.

Schritt zwei in Sachen KI: Die Politik muss mitziehen. Beim Breitbandausbau etwa brauche es politische Schützenhilfe, erklären laut Bitkom-Befragung 80 Prozent der Unternehmen. 5G beispielsweise: Ohne Datenverkehr mit sehr kurzen und garantierten Übertragungszeiten ist eben auch kein Datenschatz zu heben. Dazu kommt die Frage der Standards; genauer: überprüfbarer und zertifizierter Standards. „Wenn Deutschland es schafft, entsprechende Normen zu erstellen, wäre das der Knüller, um einen Wettbewerbsvorsprung zu garantieren“, so Wahlster. Dies könnte eine Art DIN-Norm für KI sein. Das erkennt auch der Politbetrieb: „Wir brauchen verlässliche Normen und Standards, um ,KI made in Germany‘ voranzubringen“, betont Ulrich Nussbaum, Staats­sekretär im Bundeswirtschaftsministerium.

Zeitfrage

Nun gilt es also für den Industriestandort Deutschland. Viel Zeit bleibt nicht mehr, „nur ein kleines Zeitfenster von zwei bis drei Jahren“, sagt Wahlster. KI in Deutschlands Industrie – läuft bei uns? Es muss.