Digital Think Tank
Mobilität von morgen
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© ioki

Mein, dein, unser Auto

Text: Madeline Sieland

Schwarz-weiß betrachtet, werden in der Großstadt Autos längst vielfach geteilt, auf dem Land steht weiter der Besitz im Fokus. Dabei können auch Randgebiete von der Verkehrswende profitieren.

Hamburg-Lurup und Hamburg-Osdorf sind nicht zwingend das, was man Hipster-Viertel nennen würde. Es sind Gebiete im Westen der ­Hansestadt, in die sich die gold-schwarzen MOIA-Minibusse und andere Anbieter von Ridesharing selten bis gar nicht verirren. Anders ioki. Das Start-up der Deutschen Bahn sucht gezielt nach solchen Gegenden, in denen auch der öffentliche Nahverkehr nicht jede Ecke erreicht.

„Wir gehen bewusst nicht in die Innenstädte“, sagt Stephan Pfeiffer, Head of Strategic Partnerships & Public Affairs bei ioki, beim DUB Digital Think Tank. „Wir wollen keinen Zwei-Klassen-ÖPNV fördern. Niemand soll aus Bus oder Bahn aussteigen, weil ein Sammeltaxi vermeintlich bequemer ist.“ Stattdessen wolle man den ÖPNV mit Ridesharing ergänzen, um eine durchgehende Reisekette von Tür zu Tür zu schaffen. 

Big Data zeigt Bedarf

So wie in Lurup und Osdorf. Seit einem Jahr sind 20 weiße ioki-Sammeltaxen mit Elek­troantrieb dort unterwegs. Die Zwischenbilanz: 34.000 App-Downloads, 160.000 Fahrten, 215.000 Passagiere. Das zeigt: Ridesharing funktioniert nicht nur in den Zentren der Großstädte. Auch außerhalb gibt es offenkundig Bedarf. 

Um sinnvolle Einsatzgebiete für solche On-Demand-Services zu identifizieren, setzt ioki auf Mobility-Analytics. Informationen über Verkehrsströme, Fahrpläne, Passagieraufkommen, soziodemografische Daten – all das wird analysiert, um he­rauszufinden, wo sich Lücken auftun. 

„Unsere Schmerzpunkte sind der ÖPNV im ländlichen Bereich, aber auch die Zubringerstrecken im städtischen“, sagt Pfeiffer. Während in Stadtnähe Ride­sharing eine Alternative ist, könnten es auf dem Land autonome, per App ­buchbare Shuttle­busse sein, die Passagiere zu Hause abholen und zum nächsten Bahnhof bringen. Im niederbayerischen Bad Birnbach laufen bereits die ersten Praxistests mit Kleinbussen von ioki. Das Ziel: Spätestens 2025 soll es autonome Verkehrsangebote im Regelbetrieb geben.

„Wir stehen am Anfang einer gesellschaftlichen Re­volution, bei der intelligente Mobilitätslösungen entscheidend sind“, sagt René Zymni, Director Business Unit Corporate & Mobility Solutions sowie Mitglied der Geschäftsleitung der Europcar Mobility Group Germany. Das Unternehmen ist längst mehr als ein Autovermieter. Zu Europcar gehören unter anderem der Carsharing-Service Ubeeqo und das Scooter-Sharing Scooty. „Der einfache, barrierefreie Zugang zu dieser tollen neuen Welt von Mobilitätslösungen, wann und wo immer Kunden wollen – das ist der Schlüssel“, betont Zymni.

Verkehrswende in Eigenregie

Doch ob Car-, Ride-, Bike- oder Elektroroller-Sharing: Die meisten Anbieter konzentrieren sich primär auf Großstädte. Dabei wohnt die Mehrheit der Deutschen – laut Statistischem Bundesamt immerhin 50 Millionen Personen – auf dem Land, in kleinen oder mittelgroßen Städten. Sollen die Menschen dort nicht den Anschluss an die Verkehrswende verlieren, gilt in der Regel: Selbst ist die Gemeinde. Das hat man sich auch in der hessischen Kleinstadt Ortenberg gedacht.

Im September startet im Stadtteil Effolderbach – Einwohnerzahl: 500 – das Dorf-Carsharing. Ein Pilotprojekt, ausgelegt auf zwei Jahre. Der Fahrzeugpool soll aus Elektroautos bestehen. Zusätzlich können Privatpersonen ihr Fahrzeug zur Verfügung stellen, wenn sie es selbst nicht benötigen. Die Stadt hat berechnet, dass eine Familie 3.000 Euro pro Jahr sparen kann, wenn sie zugunsten des Carsharing auf ein Auto verzichtet.

„Ich glaube, es wird noch einige Jahre dauern, bis sich in ländlichen Regionen solche Mobilitätsdienste durchsetzen, auch weil ein Großteil der dort Lebenden auf ein eigenes Auto eigentlich nicht verzichten kann“, sagt Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management beim DUB Digital Think Tank. Das größte Potenzial sieht der Wissenschaftler in autonomen Fahrsystemen – ähnlich dem, was ioki plant. „Davon könnten vor allem die älteren Generationen profitieren, die sonst nicht mehr so mobil sind.“

Mobilität anders gedacht – aber wie? Die Experten stellen ihre Lösungen im Live-Talk vor: